Jörg Weiße
schrieb am 19. April 2026 um 15.30 Uhr
Liebe Brigitte,
liebe Judith, liebe Karoline und Josefine,
Lieber Jörg,
Ich möchte Euch mein Beileid zum schmerzlichen Verlust Eures Sohnes, Vaters und Bruders aussprechen.
Alexander war seit Anfang der 70er Jahre mein Freund. Mein Herz ist voller kleiner und großer Erinnerungen an ihn. An den Jungen mit den Segelohren, die er selbst anlegen wollte. Mit einem Einweckgummi. Was aber nur zu einer tiefen Kerbe von einem zum anderen Ohr führte. An unser Bad im Güterfelder See, als er plötzlich ohne seine viel zu dicke und zu schwere Brille wieder auftauchte. Ich sprang sofort hinterher und hab sie wieder hochgeholt. An unsere Arbeitseinsätze für die Firma „Oldenburg“ in Potsdam. Wir haben nachts Straßenbahnschienen gereinigt und am Tag in Altbaukellern Gasanschlüsse vorbereitet. Dabei flog mir ein Stahlsplitter ins Gesicht. Alexander hat mich blutverschmiert mit seinem Moped ins Krankenhaus gefahren, wo ein Arzt mir den Splitter mit einer Magnetsonde wieder rausholte. Er wollte mir das Gesicht nicht aufschneiden. Danke euch beiden dafür. An unsere gemeinsamen Reitabenteuer im Babelsberger Park. Auch an unsere Bahnreise nach Szczecin auf den Flohmarkt. Ein besonders umtriebiger Händler wollte uns „Schmutz-Hefte“ verkaufen. Wir sind sofort getürmt und dann lieber Kaugummis gekauft.
An unsere Fahrt mit dem Moped nach Prag. An der Grenze mussten wir das Moped auf Wunsch der Grenz-Schützer komplett zerlegen, um es danach unter Gelächter wieder zusammenzubauen.
An die Träume, die wir hatten. Nach Schule und Ausbildung ziehen wir mit unseren noch zu gründenden Familien irgendwo aufs Dorf. Alexander als Arzt, ich als Lehrer.
Und dann ging das große Leben los, sind wir zu Männern und Vätern geworden. Unser Welt wurde größer, die Entfernungen weiter. Die Verbindung aus Kindheit und Jugend blieb über all die Jahre lebendig. Und wenn wir zufrieden zurück schauen können, wieder mehr Zeit haben, dann fahren die beiden Jungs mit dem Fahrrad an die Ostsee……..
Du fehlst mir, Alexander. Unseren Sohn haben wir nach Dir benannt.
Nach dunklen Tagen in Beelitz hast du Manuela von einem netten Pfleger erzählt, der Dich lange im Rollstuhl durch den Park geschoben hat. An hellen Tagen haben wir uns lange über deine verdammte Krankheit unterhalten und Pläne für die Zeit nach deinem Sieg gemacht.
Zurück in Kyritz war dann soviel Wut in dir. Und dennoch konnten wir reden und ich hab Dich beim Gang auf die Toilette gestützt. Während Manuela mit meiner Liebsten, Andrea, eine kurze Auszeit von deiner Wut nehmen konnte.
Manuela, die nie wirklich verloschene Flamme Deiner Jugend, mit der Dir nur eine so kurze glückliche Zeit vergönnt war. Manuela, die bis zum Ende Deiner Reise vorurteilsfrei und tapfer und trotz Verletzungen an Deiner Seite war.
Lieber Alexander, ich weiß wie der Tod aussieht, wie er sich anfühlt und wie er riecht. Im Lauf der Zeit lernt ihn jedermann früher oder später kennen.
Bei meinem letzten Besuch in Neuruppin, am 17.03. 2026, zusammen mit Manuela, war der ungebetene Gast bereits in Deiner Nähe. Lieber Freund, ich hab an deinem Bett gesessen, mit Dir gesprochen, Dich berührt und gestreichelt, Deine Wärme gespürt und Abschied genommen von Dir.
Du warst endlich ohne Wut. Dein vertrautes Gesicht gelöst und hell.
Mann sagt, alle Wunden heilt die Zeit. Aber es bleiben Narben auf der Seele und im Herzen.
Gute Reise, Alexander
Und auf Wiedersehen woanders